Circle of Being

Photo installation – framed photography, woods and Gypsum board, 2019
Installation view at Tokyo Photographic Art Museum.

Der Kreis des Daseins
Text von Sumie Kawai
Januar 2018

Tomoko Kawai stellt die fundamentalen Fragen des Menschen: Was bedeutet Leben, was ist Dasein, was ist die Realität? In ihrer vielschichtigen Arbeit mit Fotos, Videos und Installationen zeigt sich – gebündelt oder parallel – die tiefe Komplexität ihrer Gedankenwelt. Mit einer Frage fängt sie an und die Suche, das größte Paradigma, das die Menschen sich auferlegt haben, nimmt ihren Lauf. Die Künstlerin befindet sich inmitten ihrer Erkundungsreise. Keine ih-rer Arbeiten betrachtet sie als vollendet. Vielmehr sind sie Zeichen oder Spuren der Suche nach dem „Dasein“, vorläufige Stationen ihrer Suche ‚auf dem Weg‘. 

Zeit und Erinnerung
“Ohne Erinnerung gibt es kein Verstehen“, sagte einmal der britische Autor E. M. Forster, der durch seine Romane wie „Zimmer ohne Aussicht“ und „Wiedersehen in Howards End“ u.a. bekannt ist. Tomoko Kawai suchte sechs Jahre lang alle Win-kel, jede Ecke Japans auf. Unterwegs auf der Suche nach dem Kern ihrer Existenz und der Identität ihres Landes. Durch die eigene körperliche Präsenz vergewisser-te sie sich des Gedächtnisses der Zeit, das jede Landschaft, jeden Ort geprägt hat und deren Tradition noch im Alltag der Menschen erhalten blieb. Was ist Wirklich-keit, was sind Geschichte, Mythologie,Tradition vergangener Zeiten, die überlebt haben? Was ist die “Lebensform“, der sich diese Spuren eingeschrieben haben? So begibt sich die Künstlerin auf die winzige Insel Awajishima-Eshima, die nach der ältesten Mythologie von Kojiki und Nihonshoki als die legendäre Onogoro-Insel und als Ort des Ursprungs von Japan gilt. Seit vermutlich zwanzig Millionen Jahren küssen die Wellen ihre schönen Felsen und  bewahren so die Erinnerung an ihre Entstehung bis in die Gegenwart. Die Grenzen zwischen dem Lauf der Zeit und von Geschichte, Mythen und Traditionen fließen ineinander. Was ist der Sinn von Wirklichkeit, wenn Gedächtnis und Zeit miteinander verschmelzen? Tomoko Kawai bezeichnet diesen Brückenschlag mit dem Wort „fuzzy“. Es ist wohl mit dem Begriff „als ob“ von Ogai Mori verwandt. Mori sagt, wahre Realität gäbe es nicht. Vielleicht lässt sich ihre Realität als „fuzzy“ oder „als ob“ wahrnehmen. Sie begreift das Dasein der Menschen als ihre Erfahrung einer diffusen Welt, wo Zeit und Erinnerung und alle Dinge miteinander verbunden sind. Diese Einsicht weckte ihr großes Interesse am Buch „On the Origin of Springs“ des Franzosen Pierre Perrault aus der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Ausgehend von seinem Zweifel an Platons Theorie vom Sprudeln einer Quelle aus einem riesigen unterirdischen Stausee, weist Perrault nach, dass es diese Quelle in der Tat gäbe, und zwar als Teil eines Rings aus den Naturerscheinungen Erde, den Ozeanen, von Flüssen, Dampf, Wolken und Regen. Alle diese Phänomene, Materien und das „Leben“ selbst existierten nicht nur getrennt voneinander, son-dern sind zugleich in einem großen Kreis des Daseins miteinander verbunden.

Tomoko Kawai war Stipendiatin des Künstlerhauses Bethanien. Ihre Ausstellung zum Abschluss des einjährigen Aufenthalts in Berlin unter dem Titel „On the Ori-gin of Springs“ widmete sie diesem Kreis des Daseins. Ihre Installation kombinier-te sie aus folgenden Elementen: Fotos der 20 Millionen alten Felsen der Onogoro-Insel; einer Szene aus dem Spielfilm „Tänzerin“ nach einem Roman von Ogai Mori gleichen Titels; einigen Fundstücken aus dem Künstlerhaus; einer gerahmten Ko-pie der Titelseite von Perraults Buch; einer Videoprojektion des Rheinfalls; sowie alter und neuer Ansichten ausgewählter Winkel Berlins. Auf den ersten Blick scheinen sie nichts miteinander zu tun zu haben. Aufmerksamer Betrachtung er-schliesst sich jedoch das dem genauen Blick und der philosophischen Überzeu-gung der Künstlerin geschuldete Zusammenspiel der Objekte, die um die Einbin-dung der Passanten vor dem Schaufenster des ebenerdigen Ausstellungsraums ergänzt werden. All diese Dinge und Ereignisse finden sich, gebündelt durch Zeit und Erinnerung, als gleichwertig im Kreis des Daseins miteinander verbunden.